Freitag, 15. Juli 2011

Staatspleiten - oder „Ich nehme mich jetzt auch mal vom Markt“

Kommt Ihnen die ganze Diskussion um Staatsbankrotte, Euro-Krise und USA-Schuldengrenze auch italienisch vor? So könnte es aussehen, wenn der Bürger XY aus dem Staat Z erzählt, was in ihm und mit seinen privaten Finanzen gerade so vorgeht:

„Auch wir stellen natürlich Überlegungen an, wie wir mit unserer privaten Verschuldung umgehen können. Zwangsweise, denn am 02.08.2011 haben wir unsere selbstgesteckte Schuldengrenze erreicht. Dann sind wir pleite, wenn wir die Grenze bis dahin nicht erhöht haben. Täglich diskutieren wir bis spät in die Nacht über eine Anhebung unserer Schuldengrenze. Sparen wollen wir nicht – drei Kinder - das geht einfach nicht. Die Schufa droht mit einer massiven Abwertung unseres ohnehin schon nicht ganz einwandfreien Ratings. Danach würden sich die Banken eventuell zurückziehen. Ganz schlecht.


Wir werden nächste Woche zu einem Krisengipfel mit unserer Bank gehen und darüber verhandeln, dass wir bis 2013 vom Markt genommen werden. Daneben benötigen wir wirklich dringend neue Kredite, denn von irgendwas muss unser Lebensstandard ja bezahlt werden. Wir überlegen auch, verstärkt Darlehen auf unsere Kinder aufzunehmen, die sind jung und können ja später gut verdienen. Einen Schuldenschnitt lehnen die Banken ab. Sie versuchen es jetzt wohl so zu drehen, dass wir auf dem Papier nicht ganz so pleite aussehen. Sie können unsere Kredite dann schlechter weiterverkaufen. Das führt wiederum dazu, dass einige unserer Freunde schon auf unseren Insolvenzantrag spekulieren.

Kürzlich ging unsere Telefonanlage bei einem Gewitter kaputt, also auch Naturereignisse bedrohen uns. Da können wir nun wirklich nichts für.

Wir haben natürlich noch ein bisschen Gold und ein Haus. Aber das einzusetzen, kommt nicht in Frage – das ist schließlich unser Notgroschen.

Schauen wir also erstmal, wozu wir die Banken und den Steuerzahler bewegen können....“


Soweit Herr XY. Die Absurdität der derzeitigen Lage ist meines Erachtens kaum zu überbieten. Wohl dem, der seine Anlagen krisensicher aufgestellt hat.

Weitere Kommentare meinerseits zu diesem Thema finden Sie in Statements von mir in der Süddeutschen Zeitung vom 14.7.11 (http://www.sueddeutsche.de/geld/finanzen-so-halten-sie-ihr-geld-in-der-krise-zusammen-1.1120091 ), am Montag im BR in Geld und Leben (18.07.11, 21.15 Uhr) sowie am Dienstag in PlusMinus in der ARD (19.07.11, 21.50 Uhr).


Ihre Stefanie Kühn

Freitag, 8. Juli 2011

Zinseszinseffekt auf Bruttobasis - Über die Unsinnigkeit von Fondsgebundenen Lebensversicherungen

Zinseszins auf Bruttobasis - ein tolles Wortgerüst, finden Sie nicht? So gut, dass ich es mir kaum merken kann. Neulich las ich diesen Ausdruck als Verkaufsargument für eine fondsgebundene Lebensversicherung und mir fiel auf, dass dieser geniale Ausdruck die Beschreibung eines de facto falschen Verkaufsargumentes ist.

Worum geht es? Heutzutage zahlen Anleger auf Fondsanlagen Abgeltungsteuer, das heißt, von jedem verdienten Euro gehen 25% + Soli + ggf. Kirchensteuer ab. Natürlich wäre es schön, wenn beim Umschichten nicht jedes Mal die Steuer den Neuanlagebetrag mindern würde. Doch ist dieser Nachteil so groß, dass der Anleger lieber eine fondsgebundene Lebensversicherung als eine direkte Fondsanlage wählen sollte?


Würde auf jegliche Umschichtung verzichtet, schneidet der direkt im Depot gehaltene Fonds auch unter Berücksichtigung der Abgeltungsteuer sehr viel besser ab. Bei einer Sparrate von 50 Euro ergibt sich über 30 Jahre ein Vorteil von 7.000 bis 8.000 Euro. Wo sind diese Tausende hin?

Die Versicherung hat Abschlusskosten (ca. 4% der gesamten Beiträge) und sie hat laufende Kosten (ich sehe Angebote mit über 10% laufenden Kosten). Das zehrt an der Rendite. Erwirtschaftet der Fonds 6% im Durchschnitt, bleiben für den Anleger vielleicht 4,5%, wenn die Versicherung teuer ist, auch weniger. Klingt nicht nach viel, aber über 30 Jahre summiert sich das zu mehreren Tausend Euro. Ich nenne das jetzt mal „Zinseszinseffekt durch Kostenbasis“. Für diesen Vorteil, den die Direktanlage bietet, kann man dann auch schon mal umschichten.


Doch wie oft schichten Kunden selbst eine Lebensversicherung mit Fonds um? Nach meiner Erfahrung sind die Mandanten da recht zurückhaltend. Das liegt auch daran, dass eine Umschichtung ja nicht per Mouseklick funktioniert, sondern per Anschreiben. Damit ist der Ausführungstermin auch schon mal vom Bearbeitungsstand der zuständigen Sachbearbeiter abhängig.

Manche Policen haben ein gemanagtes Portfolio. Hier erhoffen sich die Mandanten zu Recht, dass je nach Marktlage umgeschichtet wird. Die Erfahrung zeigt hier, dass allenfalls marginale Umschichtungen stattfinden (oft von einem Hausprodukt zum nächsten) und der Zinseszinseffekt auf Bruttobasis kaum Relevanz hat. Viele Policen aus der Zeit vor 2004 sind auch noch so stark im Minus, dass von Rendite sowieso noch nicht gesprochen wird, da hoffen alle zunächst auf das Wiedersehen der eingezahlten Beiträge.

Gibt es heutzutage also irgendeinen Grund, eine fondsgebundene Lebensversicherung abzuschließen? Ich finde keinen. Wer das Todesfallrisiko absichern möchte, ist mit einer Risikolebensversicherung gut und günstig bedient.


Zwar habe ich keine so tolle Wortschöpfung für meine Argumente, aber das macht vielleicht auch gar nicht so viel aus. Nehmen Sie Ihr Geld selbst in die Hand, schließen Sie einen Fondssparplan ab, kümmern Sie sich!

Eine ganz konkrete Anleitung zum „do-it-yourself“ finden Sie beispielsweise in meinem Buch „Leben ohne Bankberater“ (www.kuehn-sein.com)


Oder um es mit Heinrich Böll zu sagen:

„Freiheit wird nie geschenkt, immer nur gewonnen“


Ihre Stefanie Kühn

Mittwoch, 11. Mai 2011

Willkommen in der Realität – eine Beispielgeschichte zum Thema netter Umgang an deutschen Schulen

Ja, das muss ich jetzt sofort schreiben. Gestern bekamen wir einen Anruf, wir sollten unseren Sohn von der Schule abholen, es ginge ihm nicht gut. Klar, da fahren wir sofort los. Glücklicherweise war es nichts lebensbedrohliches. Soweit so gut.

Die Schule hatte allerdings schon eine Weile versucht, uns zu erreichen. Was haben wir gemacht? Ferngesehen, geratscht oder gar gefrühstückt? Nein. Wir arbeiteten. Mein Mann war außer Haus und ich hatte direkt hintereinander zwei längere Telefonate. Wie Sie wissen, verdienen wir damit all das Geld um unser Leben und mit den Steuern auch das von Lehrern, Polizisten und anderen sinnvollen und auch weniger sinnvollen Gemeinwohl-Dingen zu zahlen. Soweit, so normal. Jedenfalls für uns. Ich unterbreche keine Telefonate, wenn ein anderer Apparat klingelt, denn meine Mandanten haben das Recht auf eine 100%ige Aufmerksamkeit. Das ist meine Einstellung. Ist mein Telefonat beendet, höre ich den Anrufbeantworter ab.


Was passierte in der Schule: Dort saß ein Kind, dass sich übergeben musste, im Sekretariat – gut sichtbar für jedermann. Das ist natürlich unschön, gerade wenn die Schuleinschreibung für die 5.-Klässler ist, und viele Menschen ein und aus gehen. Aber die Schule hat ja noch andere Räume und einen Pausenhof, Schulsanitäter, Lehrer, die gerade keine Klasse haben....

Allein über diesen Punkt kann man reden. Wie fühlt sich ein Kind, dass vorne im Sekretariat sitzen muss und sich übergibt, wenn ständig Leute an ihm vorbeigehen – besch....


Undbedingt sprechen muss man über diesen Punkt: Wir Eltern wurden sowohl auf dem Anrufbeantwortert als auch zweimal persönlich angeraunzt, dass wir binnen einer Stunde das Kind hätten abholen müssen (was nach unserer Meinung bei dem ersten Anruf 10.00 Uhr (Aufzeichnung Apparat) und kurz vor 11.00 Uhr Schulankunft sowieso gegeben war) und wir immer erreichbar sein müssten. Und unsere Nachbarn, die auch angerufen würden, die müssten sonst erreichbar sein.

Sorry, wir müssen arbeiten, unsere Nachbarn melden sich nicht bei uns ab, wenn sie nicht zu Hause sind, sich engagierende Omas und Opas haben wir nicht. Willkommen in der Realität.


Dazu kommt: Der Ton macht die Musik. Da ich heute am Folgetag beim Abmelden des noch immer kranken Kindes erneut angegangen wurde, war es auch kein Versehen. Ich habe nochmal erläutert, dass wir natürlich arbeiteten und unsere Nachbarn wirklich nur für echte Notfälle da seien. Doch kurz - da wollte jemand unfreundlich sein. Die Sekretärin hat mir also heute gesagt, dass mich die Schulleitung ja mal anrufen könnte, denn es hätte sich noch nie eine Mutter beschwert, dass das so sein muss. Fein, habe ich geantwortet.

Was ich mich bei diesen Begegnungen der dritten Art frage, ist folgendes:

a) Warum kann man sowas nicht anders regeln? Idee: Kind mit Eimer wartet mit sowieso draußen rauchenden Lehrern im Pausenhof. Frische Luft bei schönem Wetter ist bei Übelkeit meist recht hilfreich.

b) Warum spricht man nicht auf Augenhöhe und freundlich? Ich spreche mit meinen Mandanten auch auf Augenhöhe. Hätte die Sekretärin gesagt, es sei ihnen ganz unangenehm, sie könnten sich nicht richtig kümmern, die Schuleinschreibung verursacht Chaos, hätte ich sicherlich gesagt „Das tut mir leid“. Hätte es allerdings nicht ändern können und das unter a) gesagte steht weiter im Raum.

c) Warum spricht man nicht mit Respekt? Hätte man auch sagen können „Es tut uns leid, Ihr Sohn ist krank. Wir dürfen ihn nicht alleine nach Hause gehen lassen, können Sie ihn bitte abholen, sobald es geht?“.


Ja, die Freundlichkeit – nach der Geschichte mit der Deutschen Bahn ein weiteres aktuelles Beispiel. Was muss ich auch immer Wiederworte geben.....


Und weil's so schön ist, noch eine Anekdote aus selbigem Sekretariat, dessen Ruf unserem Eintritt in diese Schule übrigens schon vorausgeeilt war. Unser Sohn, neu an der Schule, sollte dort etwas abholen oder abgeben. Las an der Tür das Schild „Bitte anklopfen“. Klopfte und wartete, klopfte und wartete. Nichts. Irgendwann steckte er den Kopf rein und da raunzte es „Brauchst du 'nen Türöffner?“.

Ich sagte meinem Sohn, dass er bei solchen Antworten ruhig auch etwas sagen darf. Das muss sich auch kein Kind gefallen lassen.


Viele Grüße
Stefanie Kühn












Montag, 9. Mai 2011

Manches geht einfach nicht – die Bahn und ihr Umgang mit Reisenden

Am Samstag war ich mit zwei meiner Kinder in Frankfurt zum „Forum Finanzen für Frauen“ auf der Deutschen Anlegermesse. In Nürnberg stiegen fünf junge Mädchen zu, nach Sprache osteuropäischer Herkunft. Sie sahen aus, wie Mädels um die 20 eben aussehen, wenn sie einen Ausflug machen, fröhliches Geplaudere und Gelächter, ein bisserl aufgebrezelt.

Kurz nach der Abfahrt kam eine Schaffnerin und sagte „Die Zugestiegenen bitte die Fahrscheine“ und die Mädchen reichten ein Ticket. Ich glaube, ich habe aufgrund der herrischen Stimme schon hochgeblickt und beobachtete die Szene. Die Schaffnerin sah auf den Fahrschein und raunzte „Der Fahrschein gilt nicht, sie müssen nachzahlen“. Auch mein Sohn, der dem ganzen bis dahin den Rücken zugewandt saß und las, zuckte ob des Tones zusammen und drehte sich um. „Sie müssen auch leeeeeesen, was da steht!“ ging es weiter. Eines der Mädchen, später stellte sich heraus, es waren alles Schwestern, erklärte der Schaffnerin ein bisschen aufgeregt, aber auch verblüfft, dass sie am Schalter nach einem Gruppenticket gefragt hätten und das Bayernticket verkauft bekommen hätten. Dann hätten sie gefragt, wo denn der Zug nach München fahren würde und es hieß „Gleis Neun“. Das war der ICE. Man hätte jetzt wissen müssen, dass ICEs beim Bayernticket nicht zu den erlaubten Zügen zählten. Wussten die Mädchen aber nicht. Kann ich verstehen – ich habe ja schon in meiner Sprache Probleme, die Tarifwelt zu verstehen. „Egal, Sie müssen das eben leeeeesen und jetzt müssen Sie nachzahlen – zwei Tickets“.

Gut, sowas kommt vor, dass man nicht den richtigen Fahrschein hat. Ich selbst saß schon mal in einem zuschlagspflichtigen Zug und hatte nicht kapiert, dass ich ein Zusatzticket gebraucht hätte. Ich bin auch schon mal hochschwanger ob meines Fahrrades zu einer Nachzahlung verdonnert worden. Habe ich jedesmal wirklich nicht gewusst. Soll vorkommen, bei all den Tarifen, die es gibt. Eine Freundin erzählte gestern, sie ist sogar mal bis Venedig mit Zügen gekommen, die sie gar nicht gebucht hatte, weil sie den eigentlichen Zug verpasst hatten und die Schaffner alle nett waren.

Diese war nicht nett. Meine Kinder und ich sahen uns die Diskussion einige Minuten verständnislos an. Dann wurde es Zeit, sich einzumischen. Ich fragte die Dame, ob sie nicht wenigstens freundlich mit den Mädchen sprechen könnte, man sehe doch, dass sie es einfach nicht gewusst hätten. Und ob sie vielleicht mal sagen könnte, was denn zu zahlen sei. Da wurde ich dann angeraunzt, was ich mich denn einmischte. Sagte ich, dass ich mich schäme, wenn meine Landleute so mit Ausländern redeten und man so überhaupt nicht mit Kunden spricht und die Erläuterungen der jungen Mädchen ja auch schlüssig seien. Die Schaffnerin erklärte darauf „drei mal 55 Euro“. Die Mädchen sagten zu Recht, dass sie doch zuerst „zwei Tickets“ gesagt hätte. Da sagte die Schaffnerin „Nein, jetzt sind es fünf, das andere wäre Kulanz gewesen, das wäre jetzt vorbei“. Inzwischen kam ein Kollege hinzu – nur marginal freundlicher, immerhin sagte er, sie könnten sich später beim Kundenservice beschweren. Die Mädchen erklärten, dass sie das nicht einfach zahlen, schließlich wären sie am Schalter gewesen und sie hätten alles erfragt, sie könnten das doch nicht wissen und sie hätten auf diesen Ausflug so gespart.

Ist doch klar – wer hat mit 20 Jahren in einem fremden Land denn schon viel Geld? Und 55 Euro pro Person war vermutlich das Taschengeld für diesen besonderen Abend. Kurz, sie zahlten nicht. Die Polizei nahm die Damen in München in Empfang. Ich habe dem Polizisten meine Version der Geschichte aufgedrängt, mich als Zeuge benannt. Habe ihn gefragt, was es kosten würde, wenn ich alles begleiche, und man das ganze gleich löst. Das hätte aber zu dem Zeitpunkt schon 100 Euro pro Person gekostet und ging schon längst nicht mehr. Ich habe mich geärgert, hätte ich doch sofort einfach die zwei Tickets gezahlt.

Keine Frage – die Bahn ist hier vermutlich im Recht. Aber - die Mädchen haben keinem einen Platz weggenommen, der ICE war fast leer. Die Karte war von einem Schalter, sie haben also wirklich mit jemandem von der Bahn gesprochen. Kann man dann nicht mal fünfe gerade sein lassen?

Sommerliche Grüße
Stefanie Kühn

Montag, 4. April 2011

Ein offener Brief an Frau Aigner und an Sie, liebe Blog-Leser: Warum wir endlich eine Stärkung der Honorarberatung brauchen

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Aigner, sehr geehrte Leser,

Heute las ich im Handelsblatt, dass Sie, Frau Aigner, finden, dass die Flut der komplexen Finanzprodukte zu groß sei.
Ja, ich finde auch, es gibt eine Fülle von Produkten in der Finanzwelt und ja, ich halte auch viele für überflüssig. Das ist Ihnen, meinen regelmäßige Leser, ja bekannt. Aber lassen wir doch die Produkte mal Produkte sein. Würde keiner sie an Anleger „verkloppen“, wenn sie ungeeignet sind, dann würde sich die Fülle der Produkte von selbst regulieren. Es würden die Produkte bleiben, die von guten Beratern und aufgeklärten Anlegern nachgefragt würden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel:

Ich halte mich persönlich für eine aufgeklärte Anlegerin, die ab und zu mal ein bisschen spekuliert. Wenn ich der Meinung bin, ich möchte mit einem 3-fach Hebel auf einen fallenden DAX spekulieren, weiß ich genau, was passieren kann. Wenn ich falsch liege, ist mein Geld weg. Ohne Produkte wie Mini-Shorts und Mini-Longs könnte ich meine Meinung gar nicht in Produkte fassen. Gut, dass es sie gibt, Frau Aigner. Das Produkt mag kompliziert sein, aber ich kann damit umgehen. Das hohe Verlustrisiko, das Sie, Frau Aigner, kritisieren, schreckt mich nicht, weil meine Investitionssumme meinen Möglichkeiten angepasst ist.

Mein Vorschlag wäre ein ganz anderer: Würden Kunden ehrlich beraten, und die Beratung auch entlohnt werden, dann würden viele Berater wohl niemals zu Empfehlungen von komplizierten Wenn-Dann-Falls-Obwohl-Zertifikaten greifen. Sie würden gut beraten, dabei verdienen, und sicher sein, dass der Mandant wieder kommt, wenn es eine neue Frage gibt. Würde darauf verzichtet, Depots systematisch zu drehen, um Geschäft zu generieren, weil gerade die Summe X von einem Zertifikat oder Fonds untergebracht werden muss, würden Anleger Vertrauen zum Berater aufbauen können. Würden Berater lange Zeit am selben Platz beraten, könnten sie zeigen, dass sich faire Beratung auch in Geschäft umsetzt. Nach meiner über 10-jährigen Erfahrung sind die meisten Anleger bereit zu zahlen, aber sie sind nicht – mehr - bereit, sich für dumm verkaufen zu lassen.

Das Problem, liebe Frau Aigner, sind nicht die Produkte, es sind die Berater und deren Chefs, die Fehlanreize durch Provisionen, die Verkaufstrainer, die lehren, wie man Einwände wegwischt, die mangelnde Geldbildung in der Bevölkerung, die Gier der Anleger. Kurz – es ist in den letzten Jahrzehnten irgendwas schiefgelaufen und die Produkte sind nur das Symptom. Es wäre wünschenswert, wenn die Ursachen bekämpft würden. Wenn gute Beratung etwas zählen würde, statt erfolgreiche Lobbyarbeit. Wenn hochrangige Politiker den Anstand hätten, sich von dubiosen Unternehmen mit dubiosen Verkaufsmaschen zu distanzieren.

Ich wundere mich immer wieder, wie Sie und Ihre Kollegen, sehr geehrte Frau Aigner, im Jahr drei nach der Finanzmarktkrise immer noch keine Regelung, keine Stärkung für Honorarberater schaffen konnten. Ich kenne all die Diskussionen zwischen den Ministerien, sofern sie nach draußen dringen. Ich habe Ihr Ministerium mit Ihrem Staatssekretär besucht, diskutiert, an alle Parteien geschrieben. Die einzelnen Personen schienen meistens zu verstehen. Aber wenn ich solche Artikel lese, bezweifle ich, dass sich jemals etwas ändern wird. Selbstverständlich würde ich gerne jederzeit persönlich mit Ihnen, Frau Aigner, sprechen.

Wenn man Mandanten nur auf Zeithonorar berät, hat man nur eine Chance im Markt. Man muss ehrlich, anständig, pünktlich und zuverlässig sein. Die Mandanten müssen merken, dass man kein Interesse hat, irgendwas zu verkaufen. Sie müssen sicher sein, dass die Zeiten korrekt notiert werden. Natürlich müssen Honorarberater gut gebildet sein und querdenken können. Leistet man das alles nicht, kommen die Mandanten sicher nicht wieder. Honorarberater hätten die beste Chance Anlegerdepots in ruhigere Fahrwasser zu bringen, von der x-ten Lebensversicherung abzuraten und die Menschen zu motivieren, sich selbst mehr zu kümmern. Ich glaube, Honorarberater könnten immense Schäden verhindern.

Und noch etwas, sehr geehrte Frau Aigner: Ich verstehe nicht, warum man Kosten für die Putzfrau und Handwerker von der Steuer absetzen kann, aber keine Honorare für Finanzberater. Sind Honorarberater weniger wert und weniger wichtig?

Ich verstehe so vieles nicht in unserem Land. Das ist schade. Ich werde im nächsten Blog mal alles aufschreiben, was ich nicht verstehe. Vielleicht können Sie, liebe Leser, mir weiterhelfen.

Frühlingshafte Grüße
Ihre Stefanie Kühn

Dienstag, 22. März 2011

Die Welt hält inne – Anlegen zwischen Eurokrise, Fukoshima und Libyen

Die Ereignisse seit dem 11. März 2011 haben die Welt verändert. Nun gibt es seit dem Wochenende endlich ein paar Hoffnungszeichen – und wenig Zweifel, dass die Japaner mit ihrer ruhigen Art das Land wieder rasch aufbauen, wenn der Super-Gau ausbleibt. Letzte Woche fühlte ich mich sehr stark an den Film Armageddon erinnert – nur das es diesmal kein Film war. Zwischen Nachrichtenticker und Börsenkursen haben wir fast rund um die Uhr mit Mandanten telefoniert. Doch seit dem Wochenende ist es Zeit nach vorne zu schauen. Ein paar Gedanken zu den Märkten und Entwicklungen:

1)Es gibt im Leben einige Situationen, die rechtfertigen radikale Maßnahmen bei den eigenen Anlagen. Nach meiner mehr als 10-jährigen Beratungserfahrung zählen zu diesen Ereignissen der 11. September, die Euro-Krise im September/Oktober 2008 und Fukoshima. Eine neutrale Aktienposition (entweder durch Verkäufe oder durch Short-Absicherungen) macht einen unabhängig vom Ausgang der Ereignisse.
2)Bleibt der Super-Gau aus, wozu wir seit dem Wochenende ja Grund zur Hoffnung haben, wird sich eventuell die „Erleichterungsrally“ fortsetzen.
3)Quergeschossen wird derzeit im wahrsten Sinne des Wortes von dem Krieg in Libyen. Die Auswirkungen auf die Börse sind für mich derzeit offen – eingepreist ist dieses Risiko m.E. noch nicht.
4)Die Euro-Krise ist zuletzt nachrichtentechnisch fast untergegangen. Der vergrößerte Rettungsschirm brachte an der Börse einen Jubeltag mit, aber ist das nicht eigentlich ein Grund zur Sorge? Irgendwer muss das alles irgendwann ja mal bezahlen.


Dieser März wird so oder so langfristige Veränderungen mit sich bringen. Kurz vor Fukoshima nahm ich an einer sehr interessanten Diskussionrunde zum Thema Nachhaltiges Investieren der Munich Management Lounge teil. Dort sprach u.a. Dr. Walter Reitler, Eon-Aufsichtsrat. Er sagte sehr einprägsam, dass Eon genau soviel Strom produziert, wie nachgefragt wird. Wenn alle grünen Strom nachfragen würden, dann würde auch Eon sich darauf einstellen, schließlich wolle das Unternehmen verdienen. Genau das passiert offenbar gerade. Die Ökostromanbieter verzeichnen offenbar rege Nachfrage. Bleibt allerdings abzuwarten, was passiert, wenn die Windräder direkt vo der eigenen Tür gebaut werden sollen.

Und was bedeutet das für die Vermögensanlagen?
Mir fällt auf, dass die „Ausschläge“ an den Märkten in den letzten Jahren häufiger werden – darauf sollte man reagieren. Die Existenz der Schwarzen Schwäne (dieser Ausdruck steht nach dem Buch von Nassim Nicholas Taleb für den Eintritt höchst unwahrscheinlicher Ereignisse) sollte man nicht leugnen. Alle Geldanlagen könnten einen persönlichen Stresstest der Extremsituationen durchlaufen und das Anlagekonzept könnte neu justiert werden.

Frühlingshafte Grüße
Ihre Stefanie Kühn

Donnerstag, 24. Februar 2011

Für die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg

Okay - ich muss was zum der Sache mit der Doktorarbeit von Herrn Freiherr zu Guttenberg sagen. Wollte ich eigentlich nicht, aber das kann ich nicht ignorieren.

Ich las eben über den Facebook-Link der „Heute“-Sendung folgenden Satz von Frau Merkel. Ich zitiere:

„Die Universität Bayreuth folge mit dieser Entscheidung der Einschätzung des Ministers, sagte Merkel in Freiburg bei einer Veranstaltung der Stiftung Ordnungspolitik.“(1)

Welche Einschätzung des Ministers? Sollte der Gute denn nicht wissen, ob er abgeschrieben hat oder nicht? Was gibt es da einzuschätzen? Liebe Frau Merkel, ein „das war ein logischer und willkommener Schritt der Uni Bayreuth“(2) hätte es auch getan. Kann man nur hoffen, dass Heute hier die Kanzlerin falsch zitiert hat ;-)

Und übrigens – da führt die „Basis“ eine Facebook Seite Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg. Nun übertreiben wir mal nicht. Wer einen Eid schwört, dass er etwas selbst verfasst hat und es dann nicht mal zugibt, der muss damit leben, dass das ein gefundenes Fressen für die Presse ist. Ein Freiherr hätte das wahrlich nicht nötig gehabt(3).

Im übrigen kann Herr Freiherr zu Guttenberg froh sein, nicht an einer der beiden Bundeswehruniversitäten promoviert zu haben. Dort gelten Plagiate als dienstrechtliches Vergehen und können mit Degradierung bestraft werden.(4) Dann könnte Herr Freiherr zu Guttenberg ja wieder als Lokalpolitiker durch die Lande tingeln.

Die Uni Bayreuth muss sich in der ganzen Affäre natürlich auch die Frage gefallen lassen, wie eine „Summa cum laude“ Arbeit, die meines Wissens nach sehr selten ausgesprochen wird, schon im Vorwort abgeschrieben sein kann. Diese Arbeit müsste ja in besonderem Maße eigene Forschungen, Meinungen, Ergebnisse präsentieren und nicht nur eine Zitatesammlung sein.

Und wie so oft, komme ich nun zu der Frage, ob Werte wie Anstand und Ehrlichkeit in Deutschland noch etwas zählen.

Ehrliche Grüße
Stefanie Kühn



(1) Homepage www.heute.de, 23.2.11, gefunden über die Facebook Seite des Nachrichtenmagazins
(2) Stefanie Kühn, 23.2.11
(3) Das ist nicht von mir, habe ich zufällig in einer Talkshow gehört, der Sprecher des Satzes ist mir entfallen.
(4) Münchener Merkur, 24.2.11, S. 2